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Meine Zeit in Palästina und Israel: Ein Höhepunkt in meinem Leben!!

Meine Zeit in Palästina und Israel: Ein Höhepunkt in meinem Leben!!

Dieser Blog entstand von Oktober 2008 bis Februar 2009. In dieser Zeit habe ich im Caritas Baby Hospital als Assistentin des Management-Teams gearbeietet. Ich berichte über meinen Alltag in Bethlehem und Umgebung mit Freuden und Leiden.

Ich stehe gern für Fragen zur Verfügung und freue mich über Rückmeldungen.

Viel Freude beim Lesen!

Susanne

P.S: Wer nur Fotos gucken will: HIER

Abschied

In ein paar Sätzen, was sage ich zu dem Aufenthalt:

- Es war eine der besten Entscheidungen und Zeiten meines bisherigen Lebens.

- Ja es ist möglich in einem schwierigen Umfeld sehr zufrieden zu sein. Bei mir waren v.a. 6 Dinge entscheidend:

1. Die Arbeit in der ich so spannende Sachen machen und lernen durfte.

2. Die Menschen in Palästina, die trotz aller Schwierigkeiten so herzlich sind.

3. Meine Mitbewohnerin Madeline, mit der ich viele Dinge besprechen und verarbeiten konnte die wir so erlebt und gesehen habe und mein Chef, der mir immer den Rücken gestärkt hat sowie einige gute Freunde u.a. die Schwestern die immer da waren.

4. Die Komplexität der politischen und gesellschaftlichen Situation dort, die mich geistig super gefordert hat und mir jetzt das Gefühl gibt, von der Welt etwas mehr verstanden zu haben. Wenn ich jetzt die Zeitung aufschlage macht alles so viel mehr Sinn und hängt so viel mehr zusammen, sei es Sudan oder sonst eine Gegend.

5. Die unendliche Fülle an Kultur die dort zusammentrifft: Arabisch muslimisch, Arabisch christlich und Jüdisch, die natürlich alle ein vielfältiges kulturelles Angebot bietet. Dazu die Sprache die ich etwas gelernt habe und das Land an sich mit seinen beeindruckenden Landstrichen.

6. Meine persönliche Entwicklung und die Entscheidungen die ich treffen konnte, also das, was mich jetzt maßgeblich begleiten wird. Beispielsweise die Entscheidung über mein Studium, die Schwerpunkte, wie ich selbst bin, das Verhältnis zu bestimmten Menschen, das was mir wichtig ist…

_mg_2278Ob ich es schade finde, weggegangen zu sein?

Nus Nus – arabisch für halb halb.

Einerseits bin ich froh, jetzt in einem weniger anstrengenden und zehrenden Umfeld leben zu können, kein Gaza, keine aufdringlichen Typen, keine berechnenden Menschen, keine Kontrollen!!!, keine ständige Befürchtung, demnächst entdeckt zu werden. Ich freue mich auch auf das was jetzt kommt und vermute, dass das Leben in Palästina irgendwann auch zum Trott geworden wäre.

Andererseits habe ich sehr emotionale Freundschaften geschlossen und es fällt mir schwer jetzt wegzugehen in dem Wissen, dass morgen auch in der Westbank ein Krieg ausbrechen kann, und dass dann die Kinder meiner Kollegen, der Ärzte und Schwestern, verletzt werden usw. Auch hatte ich das Gefühl, dass ich erst gegen Ende die Organisation so richtig – falls man das jemals behaupten kann – verstanden hatte, wusste, mit wem kann ich reden, wer hat Einfluss auf was, wen sollte ich besser umgehen. So konnte ich z.B. in dem letzten kleinen Projekt das ich hatte ziemlich schnell einen Überblick bekommen und die Entscheidungsmöglichkeiten darlegen und evaluieren, obwohl ich vorher noch nie mit der Komplexität einer Hospital Pharmacy zu tun hatte. Insofern ist es schade, an diesem Punkt aufzuhören.

Ich habe aber versprochen, mir im Kopf zu behalten, dass ich jederzeit zurückkkommen kann und dass ich mich außerdem nach jemandem umschaue, der sich für ein ähnliches Praktikum interessiert.

An dieser Stelle möchte ich euch allen ganz herzlich danken, die ihr euch für mich und meinen Aufenthalt interessiert habt, die ihr mich unterstützt habt in jeglicher verschiedener Form, z.B. am Anfang durch wissenschaftliches Material, durch Tipps per Skype, durch Gespräche, durch Briefe oder Päckchen, durch die Kleidungsspende an Teddy, durch Anrufe, durch Besuche, Nachfragen, durch die Betreuung vor Ort etc.

Für alle, die noch mehr Eindrücke gewinnen möchten, habe ich auf Picasa Fotos hochgeladen, die ich immer wieder aktualisiert und erweitert habe. Vielleicht wundert ihr euch über die Aussage von dem einen oder anderen Bild, aber bei genauem Hinschauen gibt es bei jedem etwas Spannendes zu entdecken und eine Geschichte zu erzählen. Fragt mich danach wenns euch interessiert!   http://picasaweb.google.de/susanneluisa/BethlehemOktober?authkey=6rCJgCDkzes&feat=directlink

Liebe Grüße, lieben Dank, Alles Gute!

Susanne

Am Donnerstagabend landete mein Flugzeug in München. Ich war ziemlich erledigt von den Strapazen der Ausreise, denn in meinem Fall galt es extra vorsichtig zu sein, damit keiner Verdacht über meine Arbeit in den vergangenen 4 Monaten schöpft, vor allem nicht, dass ich das auch noch im verfeindeten Palästina gemacht habe. Da es in Palästina keinen Flughafen gibt, müssen alle Ausländer über die Grenze nach Israel, was ja wirklich in 3 Min. Entfernung von Bethlehem liegt, und dann ab Tel Aviv abfliegen. Schon am Checkpoint zw. Palästina und Israel wurde ich wg meines Koffers befragt, kam aber ohne explizite Kofferkontrolle durch. Dann am Flughafen, bevor wir überhaupt auf das Gelände fahren konnten, wurden wir an einer Kontrollstelle gefragt wo wir herkommen, und durften wieder auf keinen Fall Palästina sagen. Nächster Check war dann beim Eingang in den Flughafen, und das war der kritischste. Denn dort stehen pro Passagier zwei Befragerinnen, die nacheinander die Person befragen was sie gemacht habe. Sie stimmen sich dann ab und prüfen die Antworten auf Konsistenz. Wer Pech hat und zu nervös wirkt oder sich verplappert der muss stundenlang in ein Büro und wird da nochmal intensiv befragt. Um es vorweg zu nehmen, ich hatte Glück und bin recht zügig und ohne verdächtigt zu werden durchgekommen. Aber ich hatte auch unzählige Vorsichtsmaßnahmen getroffen, die mich einige Stunden Schlaf und einige Nerven kosteten. Z.B. habe ich in meinen Pass einen kleinen Prospekt von einer Pro-Israelischen Umweltschutzorganisation gelegt, der dann zufällig absichtlich rausgefallen ist, als die Dame den Pass geöffnet hat, und von dem ich mir erhofft habe, dass sie ihn mit Susanne = Pro Israel assoziiert und unterbewusst weniger an Arbeit oder Palästina denkt. Auf ihre ganzen Fragen hatte ich schlüssige Antworten parat, die sicher für einen äußerlichen Betrachter ziemlich “schmalzig” gewesen sind, aber sie hat es mir geglaubt. Z.B. habe ich überzeugend erzählt, dass es mir ein Herzenswunsch war, das Land, in dem mein verstorbener Vater in meinem Alter gereist ist, ebenfalls zu besuchen (dass er da war stimmt, dass er tot ist auch, aber der Rest nicht). Und dass ich das Land so lieb gewonnen habe, dass ich vier Familienmitglieder und Freunde eingeladen habe, die nacheinander kamen. Das erklärte zum einen die lange Dauer meines Aufenthalts, denn ich musste ja die ganzen Sehenswürdigkeiten 3fach anschauen. Zum anderen erklärte es meinen ägyptischen Stempel im Pass, denn meine Mutter wollte “unbedingt” im roten Meer schnorcheln gehen. Dass die Ausreise einzig deshalb war, dass ich bei der Wiedereinreise am nächsten Tag ein neues Visum bekomme, das hat sie dann nicht mehr vermutet. Was dann ein weiterer strategisch kluger Punkt an der Befragung war ist, dass ich auf die Frage, ob mir jemand etwas gegeben hat, mit “Ja” geantwortet habe. Ich habe auf eine Packung Kekse in meinem Rucksack verwiesen, die mir vermeintlich eine Mitfahrerin im Sammeltaxi zum Flughafen gegeben hat. Sie waren verwundert, dass ich sowas annehme, aber sie haben sich dann so darauf konzentriert das zu prüfen ob da Sprengstoff drin ist, und waren vermutlich von meiner Ehrlichkeit auch ein wenig geblendet, dass sie nicht weiteren Verdacht geschöpft haben und mich so quasi nicht in Erklärungsnot gebracht haben.

Als diese Befragung dann zu Ende war kam die intensive Kofferkontrolle, wo ziemlich der gesamte Inhalt meines Koffers einzeln geprüft wurde. Die Damen tasteten ihn mit Spezialgeräten auf Sprengstoffspuren und Geld ab. Ich habe mich mit Ipod und Sonnenbrille demonstrativ lässig danebengesetzt und mich ein wenig über die Peniblität amüsiert. Z.B. als sie mein Deo, meine Zahnpasta und meine Gesichtscreme genau inspiziert haben, dann geöffnet haben und Proben genommen und geprüft haben. Interessanterweise haben sie mich nicht zu meinen Palästinenserschals befragt, die ich im Seitenfach bei der Schmutzwäsche deponiert gehabt hatte.

Glücklicherweise kam auch mein Computer nicht unter die Lupe, was manchmal der Fall ist, wenn sie die Festplatte kopieren. Ich hatte zwar alles arbeitsbezogene auf CD gebrannt und nach Hause geschickt, alle Temp-Dateien und Lesezeichen gelöscht, aber ich vermute selbst dann gibt es spezielle Programme, um diese Daten wieder rauszuholen.

Wie dem auch sei, nach der intensiven Handgepäckskontrolle konnte ich dann endlich ins Flugzeug steigen und bin jetzt wieder in Deutschland… Am nächsten Morgen bei meinem ersten Spaziergang war ich zu Tränen gerührt von München wo alles so heil und auch so frei ist.

Es gibt hier eine Zone, die liegt außerhalb des abgegrenzten Stadtgebiets von Bethlehem (Zone A) in einem Gebiet namens Zone C, die zwar in der Westbank liegt aber komplett unter israelischer Herrschaft steht. Palästinenser dürfen durch diese Zone (die über 50% ihres eigenen Landes ausmacht) zwar durchfahren, aber sie dürfen weder bauen noch sonst das Land bewirtschaften. Aus der Zeit vor diesem Abkommen (Oslo-Verträge) stehen dort noch Häuser, unter anderem ein Restaurant in dem ich gestern war.

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Originalfoto von der Couchsurfing Website

Dort traf ich dann eine ganze Bande “Öko-Israelis” mit Dreadlocks und ganz viel Gras in den Zigaretten, die sich zum “walkforlove”-Movement zusammengschlossen haben, und jetzt in Israel den Frieden predigen gehen. Und es war total interessant mich  mit diesen Leuten zu unterhalten und zu hören, was sie überhaupt über die Palästinenser wissen.

Z.B. denken sie, alle sind gewalttätig, und es ist ein super mutiger Akt von ihnen, jetzt einen Fuß auf deren Gebiet zu setzen oder gar in ein Restaurant zu gehen. Wir sind dann nach dem Essen noch wirklich ins palästinensische Gebiet, d.h. Zone A, hineingefahren, und nach 3 Min. sind sie aber umgekehrt, weil es ihnen doch zu riskant war.

Heute hat mir einer davon eine Mail geschickt und gemeint, wie mutig er es von mir finde hier zu leben.

In dem Gespräch über das Wissen über die Palästinenser kamen wir auch dazu, was ihnen denn in der Army darüber beigebracht wird. Dort wurde gesagt, alles was arabisch spreche sei stark verdächtig. Die jungen Leute selbst sprachen selbst sogar ein wenig arabisch, so genanntes “Checkpoint Arabisch” was bedeutet Worte wie “Stanley Schwei” und dazu die typische drohende Handbewegung, was so viel heißt wie “Warte ein wenig”.

Interessant daran war gerade die Tatsache, DASS sie zur Army gegangen sind. Denn wenn schon so Peace-freundlich, dann könnten sie ja mal konsequent sein. Aber nein, 1. man komme in Israel ins Gefängnis 2. macht es jeder, 3. hat man ziemliche Nachteile, wenn im Lebenslauf keine Army auftaucht.

Noch etwas ist mir dadurch nochmals bewusst geworden: Wenn jemand in einem Bereich (Frieden) eine gute Meinung hat, aber in einem anderen Bereich etwas tut, mit dem man sich persönlich überhaupt nicht anfreunden kann, dann verliert die Person an Glaubwürdikeit.

D.h. z.B. wenn diese Leute den Frieden predigen, gleichzeitig aber so leben wie die meisten Menschen nicht leben möchten, und neben dem Wert “Frieden” den Wert “Bewusstseinserweiterung durch Drogenkonsum” hochhalten, dann nimmt man sie nicht unbedingt ernster.

Oder, wenn ein deutscher Politiker in einer Fernsehdiskussion (Hart aber Fair vom Mittwoch) die Palästinenser verteidigt, gleichzeitig aber einen undifferenzierten und unpassenden Vergleich bringt, dann nimmt man auch ihn nicht ernst.

Gerade ich selbst, die ich wenn ich nach Hause komme sicherlich sehr viel gefragt werde was ich für eine Meinung habe, muss ganz arg aufpassen, nichts zu Vergleichen, gleich zu setzen, zu verallgemeinern oder mich einer Gruppe anzuschließen, die zwar 99 gute Meinungen hat, aber 1 die offensichtlich falsch ist. Mit “Gruppe” meine ich z.B. diese ganzen Facebook-Gruppen, wo man schnell in eine Ecke geschoben wird, wenn man einer angehört.

Das ist vielleicht so ähnlich wie damals an der WHU, als ich mich selbst in die “Öko-Ecke” manövriert habe, nur weil ich qualitativ hochwertiges Essen gegessen habe und ok, weil ich ein paar gesundheitsfördernde Maßnahmen ergriffen habe. Als außenstehende und nicht tiefgehend informierte Betrachter neigten meine werten Kommilitonen schnell zum Verallgemeinern und ich selbst habe daraus wohl meine Lesson gelernt ;-) .

Mein Fazit ist, sehr vorsichtig zu sein mit dem, was man schnell mal so sagt und mit wem man sich solidarisiert. Es ist gerade in diesem Konflikt besser, die komplex zusammenhängenden Dinge klar voneinander trennen und jeden Punkt einzeln zu beurteilen. Daher muss ich sagen: Respekt, immerhin haben sich die “kiffenden Israelis” für Palästina interessiert! Das muss man ihnen lassen!

Glaube

Beim “Kick-Off-Day” meiner neuen Universität gehts um das Thema “Intercultural Conflict”, d.h. die Rolle der Kultur und damit der Religion in Konflikten wie diesem hier. Seitdem ich das Programm gesehen habe, habe ich mal ganz besondere Aufmerksamkeit auf die Rolle der Religionen hier gerichtet.

Bei einem Spaziergang in Jerusalem, wo es fließend zwischen jüdischem, christlichem und muslimischen Viertel ineinander übergeht, ist mir erst so richtig bewusst geworden, wie der Glaube das Verhalten von Menschen formt, und wie in dem Beispiel Menschen, die 50m voneinander entfernt wohnen, sich komplett gegensätzlich verhalten.

Wie jemand Dinge tut, die nicht zum Überleben des Menschen nötig sind und die man daher als Außenstehender als komisch empfindet. Beispielsweise dass Frauen ihre Haare auf dem Kopf komplett abrasieren und dann eine Perücke aufsetzen, um vor Gott Demut zu zeigen. Oder dass Menschen der Meinung sind, ein anderer ist “schlecht”, nur weil es in seinem heiligen Buch steht. Das ist das was der Djihad predigt. Oder dass jemand jemanden anderen als “heilig” und “immer rechtens” erachtet, nur weil es in der Bibel steht, dass dies und jenes das heilige Volk ist dem demnach auch das heilige Land gehört. Diese Meinung haben z.B. die “christlichen Zionisten”. Ich frage mich, wo ist denn da der Verstand?

Der Professor der die Diskussion demnächst leiten wird sagt, dass Religion eine Gefahr der Aufklärung sei. Ich muss mit meiner Erfahrung hier sagen, dass ich mir der Meinung zu einem bestimmten Teil anschließe. D.h. ich finde auch, dass es eine Gefahr sein kann, WENN man seinen gottgegebenen Verstand ausschaltet und nur irgendwelche Regeln befolgt, ohne deren Sinn zu erkennen und ohne sie auf Menschlichkeit zu prüfen.

Zu dem Problem mit dem Verstand kommt hinzu, dass es umso schlimmer ist den Verstand auszuschalten, wenn in dem heiligen Buch widersprüchliche Regeln stehen. Das ist in der Bibel so, das ist im Koran so, und in der Thora/Talmud weiß ich es nicht. Aber man kan alles immer schön interpretieren und auslegen, und man kann auch sagen, wenn man sich gut informiert, dann macht alles Sinn. Aber welcher “Normalgläubige” macht das schon? Zumindest ich suche mir den Teil aus den ich für bare Münze nehmen will und den, den ich nur als Gleichnis sehen möchte.

Dieser Punkt ist für mich ein Grund mehr, alle Regeln und Vorgaben mit dem gesunden Menschenverstand zu prüfen. Ich persönlich bleibe auch mit diesen Erkenntnissen gläubig, fühle mich aber darin bestätigt, all meine Handlungen, religiös oder nicht, nochmal nach meinen Wertmaßstäben zu prüfen, anstatt blind etwas zu befolgen. Beispielsweise… plattes Beispiel… dass es für mich keinen Unterschied macht, ob ich zum Gebet meine Hände falte, verschränke, oder sonst etwas mache, solange das Gebet an sich dadurch nicht gestört wird. D.h. ich begreife die Regeln eher als Hilfsmittel um ein gutes Leben zu führen, aber weiß Gott nicht als Muss. Lieber verlasse ich mich auf die hinter den Regeln stehenden Werte als Leitlinien.

Und ich finde diese Erkenntnis ist doch schon mal etwas… und ganz sicher hat das Umfeld mit den vielen verschiedenen Glaubensentwürfen mir dabei geholfen, mich zu spiegeln und mir meiner Haltung bewusst und sicher zu werden. Und das ist ein Beispiel was ich jetzt aus meinem ziemlichen Inneren erzähle, um zu zeigen, in welchen Dimensionen mich diese Zeit hier geprägt hat.

Liebe Grüße

Susanne

Politik

Nachdem die Welt gerade ein klein wenig mehr als sonst in die Ecke schaut, in der ich mich gerade aufhalte, dachte ich mir, ich nutze diese Seite, um meine Begegnungen mit dem Thema Nahostkonflikt und Krieg in Gaza zusammenzutragen. Allerdings habe ich dazu eine extra “Seite” – siehe oben rechts – dieses Blogs geöffnet, damit die Alltagsthemen und die Politikthemen von euch Lesern auch getrennt genossen werden können.

Liebe Grüße

Susanne

Lebenszeichen

Ich wollte euch nur kurz Bescheid sagen, dass bei mir noch alles sicher ist. Die Stimmung im Land ist sehr gespannt und die Menschen fürchten, dass irgendeine Aggression sich hier entlädt und auch hier zu mehr Gewalt führt.

Momentan ist Carolin zu Besuch und wir waren viel in Israel, sodass wir hier die Demonstrationen nicht gesehen haben. An ein paar Tagen war Streik und die Geschäfte waren geschlossen.

Wir hören grausame Geschichten und gestern bei einem Ausflug auf eine Anhöhe haben wir auch die Rauchschwaden über Gaza gesehen und die Detonationen gehört.

Im Krankenhaus fühlen wir uns aber sicher. Momentan sind wir eh nicht zu viel in der Lage, weil wir beide mit Grippe in unserem jeweiligen Bett liegen. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so.

Also, liebe Grüße und bis bald,

Susanne

Grüße vom Christkind

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Frohe Weihnachten

img_43691Ich möchte euch aus Bethlehem frohe Weihnachten wünschen! Dieses Jahr hatte ich ein ganz spezielles Fest hier “am Ort des Geschehens”. Und tatsächlich hat sich die Bethlehem-Geschichte ein wenig wiederholt. Zwei Anrufe kamen während unseres Weihnachtsessens: der erste von einem entfernten Bekannten aus England, der gerade hier war, es sei kalt und ob er sich bei uns aufwärmen dürfe. Auch wenn meine Schwestern Andrea und Lisa, die gerade hier sind, zuerst nicht begeistert waren unsere traditionelle Familienfeier zu verändern, haben wir den jungen Mann schließlich gerne aufgenommen und mit Andrea’s und Lisa’s leckerer Lasagne verpflegt.

img_43661Kurz darauf kam ein Anruf, ich möge doch bitte ins Krankenhaus kommen und eine Krankenhausführung geben. Auch hier dachte ich mir erst… warum muss das so kurzfristig genau an heilig Abend sein. Letztlich bin ich gegangen und habe die Leute geführt… und sie dann auch nachher zu uns in die Wohnung auf dem Krankenhausgelände eingeladen, um ein Stück Kuchen und Pfefferminztee mit uns zu trinken. Es war also wirklich Heilig Abend und alle haben sich gefreut, so unverhofft zu dieser besonderen Feier gekommen zu sein. Es war sehr berührend für alle und wir hatten das Gefühl, WIRKLICH Weihnachten in seinem ursprünglichsten Sinne zu feiern.
Anschließend sind wir in die Geburtskirche gefahren und haben den Mitternachtsgottesdienst besucht. Wir waren sehr früh dran und haben 3 Stunden vorher schon unseren Stehplatz eingenommen. Letzlich war es zwar sehr stimmungsvoll, aber auf Grund der Größe des Events mit der ganzen Prominenz und den strengen Sicherheitsvorkehrungen war der Gottesdienst selbst nicht unbedingt der Ort der Besinnung, aber sehr beeindruckend.
sus2Witzigerweise habe ich festgestellt, dass ich auf der Titelseite von sämtlichen Tageszeitungen abgebildet war, weil mein Platz genau im Sichtfeld der Fotografen, die Präsident Abbas fotografiert haben, war.

Am nächsten Tag sang ich im Chor in Jerusalem in St. Anna mit. Das Video des frz. Fernsehen dazu gibts hier: http://www.lejourduseigneur.com/index.php/jds/Programmation/France-2/Messe-du-jour-de-Noel-en-Eurovision

Anschließend waren wir bei den Schwestern zum Weihnachtsessen eingeladen. Eine ganz herzliche Feier mit den fünf Klosterschwestern, uns drei Wechslermädchen und dem deutschen Arzt Peter mit seinen Eltern!

dscn0185Und schließlich kam auch für die kleinen Patienten im Krankenhaus das Christkind und der Clown, und wir sind mit den Krankenschwestern, den Schwestern, dem Nikolaus und den Müttern durchs Krankenhaus getanzt und haben die Geschenke verteilt. (Ein wenig Babykleidung, ein wenig Schokolade und eine Babydecke für jeden). Auch wenn die meisten Familien der Patienten ja muslimisch sind und nicht Weihnachten feiern, war es für alle eine schöne Bereicherung.

Nun wünsche ich allen die meine Geschichten hier lesen ein paar ganz gemütliche Weihnachtstage und fürs nächste Jahr alles alles Gute!

Ich freue mich, wenn ich euch im nächsten Jahr wieder sehen kann. Ab 26.2. bin ich zurück in Deutschland!

Liebe Grüße

Susanne

Weihnachtsfotos gibts wie immer hier: http://picasaweb.google.de/susanneluisa/BethlehemOktober?authkey=6rCJgCDkzes&feat=directlink

Die Päckchen

Grüße vom Weihnachtsmann beim Caritas-Seniorennachmittag

Grüße vom Weihnachtsmann beim Caritas-Seniorennachmittag

Gerade zu Weihnachten ist das Thema Päckchen wieder aktuell. Daher möchte ich es heute aufgreifen, allerdings in einem entwas anderen Sinne:

“Jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen” heißt es doch im Deutschen…

Letzte Woche wurde mir wieder ganz stark bewusst: hier sind es nicht “Päckchen” sondern Pakete oder Steine!

Beispiele:

Teddy (ca. 37 Jahre, verwitwet), von der ich hier ja schon öfters geschrieben habe, sagte mir im Vertrauen: “Ich bete dass ich sterbe, denn ich werde meinen 4 Kindern nicht Herr, ich habe kein Geld, keiner leiht mir Geld, ich weiß nicht mehr weiter”.

Eine Mutter deren Kind hier im Krankenhaus behandelt wurde erzählte mir: “Wir Frauen in dieser Gesellschaft sind zermürbt, kaputt, fühlen uns nicht als Frauen…”.

Ein anderes banaleres Beispiel: Ich treffe eine Mitarbeiterin des Krankenhauses (eine Christin) auf der Straße auf der ich mit meinem Fahrrad entlang fahre und sie sagt: “Ich würde auch gerne Fahrrad fahren, aber ich kann nicht, denn man würde mir nachpfeifen (Anmerkung: das macht man bei mir auch) und schlecht über mich reden. Ich kann auch nicht schwimmen gehen denn die Männer würden mich geistig ausziehen und mir einen schlechten Ruf in der Stadt geben.”

Die Rolle der Frau hier ist schwierig. Gründe dafür liegen teils in der traditionell patriarchisch geprägten Gesellschaft, der Religion und darin, dass die Frauen noch nicht stark genug sind, selbst die Initiative zu ergreifen und ihre Situation zu ändern.

In Momenten in denen ich solche persönlichen Geschichten höre und an mich heran lasse fühle ich mich hilflos und bekomme Wut auf die Gesellschaft hier. Klar, für mich klingt es einfach zu sagen, “Dann fahr doch einfach Fahrrad”… aber das ändert nichts und gerade bei den existenzielleren Themen, darin, wie viele Männer die Frauen behandeln (von der horizontalen Ebene möchte ich gar nicht erst sprechen), und wie wenig Selbstbewusstsein viele Frauen hier haben, kann ich nicht mal mehr einen klugen Kommentar abgeben, sondern fühle nur Betroffenheit…

Diese Gedanken gehen dann weiter zu Themen wie Entwicklungshilfe und welche Ansätze überhaupt sinnvoll sind, und ob es überhaupt wünschenswert ist, die ganze Gesellschaft zu unterstützen, wenn man damit solche Denk- und Verhaltensweisen unterstützt. Gerade hier im lokalen Kontext wiederhole ich meine Feststellung aus einem früheren Artikel, dass die israelische Besatzung zwar sicherlich ein großer Balast ist, aber dass die Einstellung der Menschen im Umgang mit sich selbst, ihren Nächsten und ihrem Land (Umweltverschmutzung etc.) sicherlich auch zum Übel beiträgt. Diese erlernte Opferhaltung “Du bist Ausländer, du musst mir helfen”, aber nicht vor der eigenen Tür kehren wollen, die kann ich für mich nicht akzeptieren.

Was ist die Schlussfolgerung aus diesen Gedanken:

Ich komme mehr und mehr zu dem Schluss, dass gezielte langfristig angelegte Hilfe v.a. für bestimmte Zielgruppen wie Frauen und Kinder (Wertevermittlung in der Schule) und Führungspersönlichkeiten das Sinnvollste sind um etwas zu ändern. Ok, Elend abzumildern indem man humanitäre Hilfe leistet, z.B. durch das Krankenhaus oder Hilfslieferungen, ist sicher nicht falsch. Beispielsweise habe ich selbst einen kleinen Hilferuf für Teddy gestartet und kann ihr dank großzügiger Sachspenden zu Weihnachten ein paar Klamotten für ihre Kinder schenken. Trotzdem helfen solche Aktionen langfristig nicht weiter sondern im Gegenteil, sie lehren den Menschen hier und in anderen betroffenen Regionen, dass die Hilfe ja von außen kommt und sie sich nicht so stark selbst um eine Verbesserung ihrer eigenen Situation und Denkweise kümmern müssen. Vielleicht sehen sie die Schärfe der Lage und die Notwendigkeit der eigenen Verbesserungen auch gar nicht, denn durch die internationale Hilfe wird die Lage ja entschärft. Bevor man dann aber ganz gegen humanitäre Hilfe ist muss man wiederum berücksichtigen, dass einzelne Menschen vielleicht nicht die geistigen Kapazitäten haben, den Zusammenhang zwischen schlechter Lage und eigenem Verhalten zu erkennen. Vielleicht ist die Opfer-Haltung schon so eingeübt. Folge von einer verschlimmerung der humanitären Lage wäre dann möglicherweise eine Zuwendung zu extremen Parteien, was auch nicht besser ist.

Letzte Woche hat es mich mit den verschiedenen “Päckchen” bzw. Paketen insofern hart getroffen, als dass mir viele Menschen ihr Schicksal erzählt haben. Von den Müttern im Krankenhaus, die mich im Alltag um Geld anbetteln oder von den Einladungen von Menschen zu sich nach Hause, wo sich dann herausstellt, dass der Hintergrund der war, dass sie möchten, dass ich ihren Verwandten einen Job im Krankenhaus verschaffe, war ja noch nicht einmal die Rede… .

Ich bin froh, dass es auch wieder gute Erlebnisse gibt, wie z.B. gestern ein Treffen mit Freunden hier, die eine wesentlich aufgeklärtere Denkweise haben. Viele von diesen freiheitlicher denkenden Menschen sind allerdings in den letzten Jahren ausgewandert, und dieses Fehlen einer Gesellschaftsschicht ist spürbar.

Gesegnete Weihnachten euch allen und bis bald!

Susanne

Es weihnachtet

Arbeit

img_25001Jetzt hat mich die Arbeit wieder und es ist wirklich nicht einfach… Es kommen immer neue Gegenargumente warum man eine bestimmte Lösung nicht durchführen kann…. und meistens sind es Sachen wie… “da protestieren die Mitarbeiter”, “das essen die nicht”, “dafür gibt es schon eine Regel aber die wird nicht umgesetzt”, “ist doch alles garkein Problem, von was redest du?”, “wir hatten damit schlechte Erfahrungen”, “das ist die Kultur hier”, “wir wissen auch keine Lösung”, “wir brauchen mehr Geld”, “die Arbeit ist so anstrengend”, “wir haben so viele Kinder”, “dafür haben die Mitarbeiter kein Bewusstsein” “hier liest keiner eine Information durch”. Es ist anstrengend dagegen anzuarbeiten. Vor allem weil ich den Menschen von vornherein immer viel mehr zutraue und dann feststellen muss, dass ich zu optimistisch war.

Immerhin sind inzwischen die ersten Erfolge meiner Arbeit sichtbar und die lassen sich gut dazu verwenden, sie öffentlich vorzustellen (als Ergebnis vereinter Bemühungen der lokalen Mitarbeiter) und somit ein wenig andere Mitarbeiter zu incentivieren, sich ebenfalls zu bemühen.

Bin gespannt… ich habe zwar gerade meinen Flug nach hinten verschoben, aber trotzdem, die Zeit rennt!

Kleine Feier

img_2719Madeline und ich waren in den letzten Wochen seit wir hier sind ja oft bei Bekannten eingeladen und daher wollten wir jetzt mal eine Gegeneinladung veranstalten. Anlässlich des Advents und Madelines vorläufiger Abreise nach England haben wir ca. 20 Frauen zu einem geselligen Abend eingeladen. Es gab deutsche und englische Weihnachtslieder, Familienfotos, echten Apfelschmarren (von meiner Mama zubereitet und für die Gäste zum Nachmachen empfohlen), jede Menge mitgebrachtes Gebäck und viele nette Gespräche.img_2721

Madeline und ich waren erst skeptisch, denn der Wert Freundschaft ist hier nicht so fest verankert wie in Europa. Im Grunde leistet hier die erweiterte Familie das was wir mit unseren Freunden unternehmen. Letztlich waren wir erstaunt von der großen Anzahl der tatsächlich eingetroffenen Gäste. Zugegeben, wir haben bei den “Wackelkandidaten” kurz vorher nochmal angerufen und sie bestärkt zu kommen, was auch wichtig war.

Letztlich war es ein ganz netter Abend! Ich habe mich besonders gefreut, dass meine Mutter meine Kolleginnen kennenlernen konnte und umgekehrt. Von Deutschland aus kann man vielleicht weniger gut nachvollziehen was mich hier hält, aber der Abend hat es wieder gezeigt.

Urlaub

img_2560Ganzimg_2598 spontan hat mich letzte Woche meine Mutter besucht und wir haben eine kleine Tour durchs Land gemacht. Ganz Bagpacker ging es mit Rucksack und Bus von Jerusalem nach Eilat ganz im Süden, und von dort über die Grenze nach Ägypten (www.softbeachcamp.com) und mit einem Stop am Toten Meer zurück nach Bethlehem.img_2615

Neben der Tatsache dass das Wetter wesentlich wärmer war, war es außerdem eine erlebnisreiche Woche. Wir waren beispielsweise mit einem Beduinen Kamelreiten in der ägyptischen Wüste. Wir haben am Strand in Hütten übernachtet und leider ziemlich gefroren obwohl uns die Vermieterin gesagt hat es sei nachts warm. Außerdem sind wir auf dem Toten Meer geschwommen und haben natürlich auch das Zeitunglesen ausprobiert. Ich weiß jetzt aber, dass alle Menschen die ich auf Bildern mit Zeitung gesehen habe, nicht so entspannt sind wie sie aussehen. Meine Zeitung hat das Schwimmen auch nicht überlebt. Dannach haben wir uns mit Sulfur-Matsch von oben bis unten eingeschmiert und hatten nach diesem Peeling wieder eine Babyhaut.

Es war schön mal eine Woche aus dem Krankenhaus und dem – wie es die Leute hier nennen – “Big Prison” hier rauszukommen. Jetzt habe ich 2 Wochen hier volles Programm und dann kommt schon über Weihnachten der nächste Besuch auf den ich  mich freue in Form meiner Schwestern.

Die Woche

In der letzten Woche hatte ich ganz viel das Thema Masterstudiengang und Praktikum im Kopf und habe einige Zeit darauf verwendet, mich für Programme zu bewerben. Ich hoffe, dass ich das Thema bald mal aus dem Kopf habe und dann wieder mit vollem Geist hier sein kann. Nichts desto trotz habe ich letzte Woche endgültig (d.h. jetzt können nur noch die israelischen Soldaten den Plan verhindern, indem sie mir kein Visum geben) entschieden, dass ich statt bis Januar bis Ende Februar hier bleibe. Mein Chef hat sich zwar über die Verlängerung gefreut, war aber enttäuscht, dass ich nicht noch länger bleibe, denn er hätte noch soo viele spannende Projekte für mich. Das glaube ich ihm auch und deshalb habe ich ihm zumindest angeboten, mich um einen Nachfolger zu bemühen. Falls also jemand das liest und Interesse bekommt, eine ähnlich geniale Zeit wie ich hier zu verbringen und ein soo extrem vielseitiges und lehrreiches Projekt zu betreuen wie ich gerade, dann würde ich mich über Nachricht freuen!

Ansonsten genieße ich gerade noch die letzten Tage mit meinen beiden Mitvolontärinnen, die leider beide in Kürze abreisen. Madeline plant jedoch im Januar wieder zu kommen, aber angesichts der Visumssituation kann man hier leider nie sicher sein.

Ich bin jedoch danach nicht allein denn ich bekomme eine Menge Besuch und konnte mir sogar einige Wochen frei nehmen, um mit meinen Gästen durchs Land zu fahren. Ich freue mich riesig! Vor allem auf Weihnachten hier in der Geburtskirche. Am nächsten Tag komme ich ja unverhoffterweise zu der Ehre, genau in dem Chor zu singen, der in einem Gottesdienst am 25.12. in Jerusalem die Weihnachtsmesse gestaltet, die im französischen Fernsehen übertragen wird. Wobei ich mich frage ob es so verwunderlich ist angesichts der großen Zahl der aus Jerusalem im Fernsehen übertragenen Weihnachtsgottesdienste. Welcher Chor wird da nicht aufgenommen?!

img_26471Gestern war ich in Jericho und habe den Berg der Versuchung besucht… und musste an meine liebe Oma denken die sich bei dem Anblick (siehe Foto) sicher gefreut hätte: wir haben uns nämlich gewundert was genau die biblische Geschichte zu dem Ort ist, und darauf hin hat Madeline ihre Bibel rausgezogen und in der Gondel vorgelesen. Ich fand das originell!

Mariolein, Madeline und ich – von rechts nach links
Mariolein, Madeline und ich - von rechts nach links

Morgen gehts für einen Tagesausflug nach Tel Aviv und abends übernachten wir in Jerusalem weil wir abends ein Musical anschauen. Das ist nur ein Beispiel davon dass unser Programm schon total vielfältig ist, eben deshalb weil wir im Gegensatz zu den meisten Einheimischen problemlos die Grenze überqueren können. In Jerusalem selbst kann man sich vor lauter Veranstaltungen garnicht entscheiden, denn es leben 3 Religiöse Gruppen dort die alle ihr eigenes, komplettes Kulturprogramm haben.

Viele Grüße und ich freue mich immer über Nachrichten!

Susanne

P.S: Es gibt wieder neue Fotos!

Frauengespräche

Es ist wirklich spannend hier… denn je mehr ich mit den Frauen hier in den Hauswirtschaftsabteilungen arbeite, desto mehr Einblicke bekomme ich in ihr tägliches Leben. Ich mag es so gern, mit den ganz normalen, einfachen Leuten zusammen zu sein!

Ein paar Beispiele:

Thema Partnerwahl: Amal musste heute früher nach Hause gehen, weil ein junger Mann sich als Besuch angemeldet hat, der sich für ihre 17-jährige Tochter interessiert. Er kennt sie noch nicht, aber die Reihenfolge ist eben die, dass die Eltern sich den Mann anschauen und dann gegebenenfalls der Tochter sagen, dass er “gut” sei. Erst dann trifft sich die Tochter mit ihm. Wenn die Eltern den Mann für gut halten, dann ist es in den häufigsten Fällen so, dass die Tochter den Mann auch heiratet, einfach weil sie denkt er wird für sie sorgen und ist nicht aggressiv. Von Liebe ist hier nicht unbedingt die Rede.

Samia hingegen hat den ganzen Morgen immer wieder mit dem Thema angefangen, dass sie die Freundin ihres Sohnes nicht für gut hält. In ihrer Familie ist es so, dass nicht die Eltern aussuchen, sondern die Kinder selbst, und dass die Eltern erst später gefragt werden. Sie besuchen dann gemeinsam das Elternhaus der Freundin, aber sie haben grundsätzlich weniger Einfluss. Das Problem an der Freundin ist nicht etwa, dass sie einen schlechten Charakter hätte oder faul wäre, nein, einzig ist es das Aussehen, das Samia nicht gefällt. Und das hat sie mir dann detailliert demonstriert. Beispielsweise seien die Haare viel zu dick und zu gekräuselt, fast wie bei Afrikanern, und außerdem hätte sie dicke Backen und viele Pickel. Jetzt haben Samias Töchter schon versucht ihre Mutter zu beschwichtigen, denn man könne ja Make-Up benutzen und sich die Haare glätten lassen, doch das beruhigte sie wenig.

Thema Enthaarung: Wenn man das Vorhergehende gelesen hat, dann wundert es nicht, dass auch ich nicht ausgelassen werde, mit guten Ratschlägen. Heute sind ihnen meine Haare auf den Unterarmen aufgefallen. Ich glaube dabei hat sich kurzfristig das gute Bild das sie von mir hatten verändert. Aber glücklicherweise ist man hier nicht nachtragend und alles war gleich wieder eingerenkt. Jedenfalls hat Amal versucht mir auf arabisch zu erklären, dass ich meine Arme waxen sollte, und sie hat mir auch angeboten, es mir zu machen. Sie hat mir dann auch erklärt, wie sie die Tinktur vorbereitet, und beispielsweise ist Zitronensaft eine Zutat. Sie hat dann sogar überlegt, welchen Einwand ich haben könnte, und daher hat sie mir erklärt, dass die Tinktur insgesamt nur 1 € kosten würde, und so meinte sie, könne das ja auch kein Hinderungsgrund sein. Diese Denkweise fasziniert mich, denn sie hat nicht vermutet, dass ich mich bewusst bisher dagegen entschieden habe, sondern sie hat wahrhaftig geglaubt, dass ich einfach keine Ahnung habe :) . Aber gut, dass sie in einem Punkt mal nicht glaubt, in Europa sei das Schlaraffenland und wir haben, dürfen und wissen alles.

Mit Madeline diskutiere ich diese Gespräche dann zwischendurch immer, und sie kann das mit ihrem britischen Humor immer so originell und bildlich ausdrücken. Sie hat mir das Leben einer Frau hier so skizziert:

1. Aufgabe: selber einen möglichst “guten” Mann heiraten. Wie beschrieben, bedeutet gut eher charakterlich gut, jedoch heißt es nicht unbedingt “finanziell abgesichert”. Das hat zur Folge dass ich allein X Familien kenne, die mehrere Kinder haben und wo der Mann oder beide arbeitslos sind und nicht einmal eine Ausbildung haben. Aber Familie kommt vor allem anderen. (Voraussetzung für die Heirat: möglichst Saaki für den Mann zu sein. Saaki ist eigentlich das Wort für “lecker” im Zusammenhang mit Essen, und ich finde es total witzig, dass das auch für Menschen gebraucht wird. Das erklärt also mein vorhergehendes Beispiel mit den Haaren auf den Unterarmen).

2. Aufgabe: unbedingt viele Kinder kriegen, am Besten möglichst bald nach der Hochzeit.

3. Kinder großziehen

4. Alle Kinder unter die Haube bringen.

Wenn man diese Liste verstanden hat, dann kann man im Grunde die Gedanken der Frauen im Gespräch antizipieren. Das ist somit recht einfach… .

Im Grunde kann ich zu jedem der vier Punkte zahlreiche Geschichten erzählen, aber ich beschränke mich im Folgenden auf eine kleine lustige Auswahl: Madeline erzählte von einem vorherigen Aufenthalt im nahen Osten. Einmal als sie mit ihrem Freund unterwegs war, hat sie vorgegeben, sie seien seit 1 Jahr verheiratet. Sie hat das vorgegeben, weil es sich nicht schickt, unverheiratet gemeinsam zu reisen. Die Frau, bei der sie an dem Abend zum Essen waren fand das sehr besorgniserregend, denn schließlich hatte Madeline noch keine Kinder obwohl dies in dem einen Ehejahr möglich hätte sein müssen (12 Monate ist mehr als 9 Monate). An der Stelle sei kurz gesagt, dass hier keiner ein voreheliches Verhältnis hat… das ist “Haram”, eine Schande. Jedenfalls hat diese Frau dann eine klare Schlussfolgerung gezogen, nämlich, dass Madelines Freund Madeline offensichtlich nicht genug “mag”. Und deshalb müsse sie sich mehr schminken. Daraufhin hat sie M. ein komplettes Makeup verpasst, sodass es der gutmütigen M. total peinlich war hinterher auf die Straße zu gehen. Die Frau aber war sich ganz sicher, dass sie jetzt eine ganz gute Tat getan hat, und dass sie Madeline den Kindersegen geschenkt hat.

Zum Thema Kinder großziehen ist die aktuelle Story die, dass Oumaima heute den ganzen Tag total betrübt war, weil ihre Tochter aus der Schule geworfen wurde, weil die Eltern die Schulgebühren nicht bezahlen konnten. Und das ist nicht das erste Beispiel, dass ich höre, dass Kinder aus irgendwelchen Gründen nicht mehr zur Schule gehen dürfen. Die Tochter von Tiddy sitzt auch zu Hause, offensichtlich weil sie mit einem musilimischen Mädchen befreundet war, das von zu Hause abgehauen ist. Und da man ihr vorgeworfen hat mit dem Mädchen unter einer Decke zu stecken, durfte sie nicht mehr in die Schule kommen. Ich weiß nicht wieviel an der zweiten Begebenheit dran ist, aber jedenfalls kann man daran die Art der Probleme und auch teilweise die politisch/religiösen Verstrickungen sehen.

Vom Thema “Kinder unter die Haube bringen” bin ich wie schon einmal beschrieben selbst betroffen, denn es gibt verschiedene Mütter, die versuchen, Madeline und mir ihre Söhne schmackhaft zu machen. Die eine Frau, Margret, hat immernoch nicht aufgegeben, auch wenn ich ihrem Sohn und dessen Bekannten im Cosmos schon einen Korb gegegeben habe (siehe älterer Beitrag). Vor allem seit Madeline ihr jetzt zum Xten Mal klar gemacht hat, dass sie selbst einen Freund hat, wendet Margret sich wieder verstärkt mir zu. Sie spricht kaum Englisch und manchmal wirft sie völlig themenfremde Beiträge in eine Konversation ein. Diese aus der Luft gegriffenen Fragen klingen dann so (teils engl. teils arabisch): Susanne, wie findest du Amir? Oder…. Susanne, gehst du mal wieder ins Cosmos?…. Oder sie lädt mich in ihr Haus ein. Naja, aber ich antworte ihr dann immer, dass ich viel arbeiten muss und nicht kommen kann und auch nicht vorhabe ins Cosmos zu gehen. Und dass ich Amir nur einmal gesehen habe und nicht sagen kann wie ich ihn finde. Ich will sie ja auch nicht verletzen…Wenn man aber den Hintergrund, d.h. Madelines 4-Punkte-Liste kennt, dann kann man alles viel leichter und humorvoller aber nicht weniger freundlich hinnehmen.

So, das waren jetzt die Beispiele zu allen vier Punkten um die sich die meisten Gespräche der Frauen hier drehen und gleichzeitig wieder ein Einblick in mein Leben. Ich hoffe ihr fandet es genauso amüsant wie ich!

Bis bald, Susanne

Vor Wochen habe ich schon angekündigt, dass ich zu einer Hochzeit eingeladen war. Nun möchte ich schleunigst nachholen, darüber zu berichten.

Die gesamte Hochzeitsgesellschaft, die mit einem Bus aus Jerusalem anreist, hat Verspätung. Die Gäste aus Bethlehem wundern sich nicht, denn es ist schon Alltag geworden, dass irgendein Vorfall am Checkpoint die Grenzüberquerung verzögert. Statt um 17 Uhr beginnt die Zeremonie dann um 17.45 Uhr mit einem pompösen Orgeleinspiel, dem einzigen Musikstück der gesamten Hochzeit. Das Brautpaar schreitet durch den aufwändig gestalteten Kirchengang der Katherinenkirche (direkt angrenzend an Jesu Geburtskirche) mit den Dekorationselementen aus tausenden glitzernden Perlenketten die von innen mit Glühbirnen beleuchtet werden und auf denen Blumenbouquets aus weißen Plastikblumen stehen. Ein Kameramann hält jeden Schritt und jeden Blick des Brautpaars genau für die Nachwelt fest.  Insgesamt geht die Trauung recht zügig über die Bühne, keine überflüssigen Worte, kein Gottesdienst, und nach 20 Minuten ist die Inszenierung zu Ende. Es wird gratuliert, wir als Ausländer, die ja nicht einmal das Brautpaar kennen, werden direkt in die Schaar der Gratulanten integriert und “gehören” ab dem Zeitpunkt “dazu”. Nach der Trauung fährt das Brautpaar 1,5 Stunden im geschmückten Audi durch die Stadt um jedem lautstark durch Hupen die Eheschließung zu verkünden. In der Zwischenzeit begeben sich die Gäste zum Festlokal und nehmen an den gedeckten Tischen Platz. Während in der Kirche nur eine handvoll Menschen versammelt waren, ist der Saal jetzt prall gefüllt. Die Ober beginnen direkt mit dem Auftragen der Vorspeise, eine Ansammlung verschiedener Dips wie Hummus, Tomate-mit-Zwiebel, Joghurt-Knoblauch, Aubergine, …, in die das Pitabrot getunkt wird. Je mehr Trinkgeld am Tisch gegeben wird, desto aufmerksamer sind die Ober, was z.B. zu bedeuten hat, dass die Tellerchen mit den Saucen abgetragen werden sobald nur noch die Hälfte darauf ist. Für einen Europäer, der den sorgsamen Umgang mit Essen gelernt hat, ist das schwer nachzuvollziehen. Was diese Praxis jedoch ein wenig erklärt ist die Begründung, dass es ein Zeichen von “sich gut gehen lassen” ist, wenn man nicht darauf achten muss, wieviel Essen noch da ist, sondern dass an dem Abend einfach alles zur Genüge da ist und man damit verschwenderisch umgehen kann.

Irgendwann erscheint das Brautpaar, das durch einen Korridor von Zimmerfeuerwerk und Dekorationselementen unter Applaus einmarschiert und ganz kurz am Brauttisch Platz nimmt. Dieser Tisch steht auf einem Podest und fürs Foto werden kurzerhand dieselben Dekorationselemente aus der Kirche und vom Einmarsch ins Lokal im Halbkreis hinter dem Brautpaar positioniert. Es sind sicherlich allein dafür und für die regelmäßig z.B. beim ersten Tanz entzündeten Feuerwerke 3 Techniker angestellt. Reden gibt es bei der Hochzeit nicht, vielmehr beginnt recht schnell der Tanz mit speziellen kreisenden Bewegungen der Hände (auf Schulterhöhe), Liedern und Sprechchören, die bestimmten Traditionen folgen. Mal wird nur der Bräutigam in die Mitte genommen, dann wird die Braut von allen Frauen aus dem Saal und in einem feierlichen Einzug mit Kerzen wieder in den Saal begleitet, dann werden Braut und Bräutigam auf Schultern bzw. Händen / Stühlen getragen, und immerwährend lächelt die Braut als wäre sie nicht müde von dem stundenlangen Tanz ohne Pausen. Zwischendurch wird gut ausgeschenkt, der Hauptgang serviert (ca. 22.30) und die Hochzeitstorte angeschnitten. Schließlich wird die Musik leise und um 23.30 fährt der Bus wieder zurück nach Jerusalem.

Die Braut als auch die Gäste trugen bei dieser Hochzeit recht knappe / transparente Kleider, was mich im ersten Moment erstaunt hat. Offenbar ist dies aber erlaubt, wenn man “einen Ring am Finger hat” und/oder wenn die Familie dabei ist und die Frau nicht allein den Blicken von fremden Männern ausgesetzt ist.

Diese Hochzeit war für mich sehr beeindruckend, denn hier wurden die Eheleute (übrigens beide anfang 20) so richtig gefeiert. Vor allem der Teil wo das Brautpaar auf einem Podest durch den Raum getragen wurde und sozusagen “hochleben” gelassen wurde war toll! Auch die Tatsache, dass man durch Improvisation eine “perfekte”, fernsehreife Hochzeit inszeniert hat, war nett mitzuerleben. (Weiteres Beispiele: die bunt angeleuchtete Decke, deren Farbe sich immer wieder verändert hat). Jedoch kam es  mir fast zu künstlich vor, zu viel Lächeln zu viel Show, zu viel Kamera. Im Vergleich dazu finde ich an deutschen Hochzeiten schön, dass dort (zumindest meiner Erfahrung nach) mehr feierliche Stimmung herrscht, im Sinne von einer schönen Zeremonie angefangen in der Kirche mit toller Musik und dann die persönliche Feier mit einem Programm das das Brautpaar als Personen und weniger als Kunstwerk des Visagisten in den Mittelpunkt stellt.

Alles in Allem war es eine tolle Erfahrung, und es war besonders liebenswürdig, dass M. und ich überhaupt eingeladen waren!

Tipp

Mal ein interessanter Hintergrundartikel:

http://www.irinnews.org/Report.aspx?ReportId=81085

Erschreckend: in den letzten acht Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt Palästinas um 40 % gesunken. Kann sich das jemand vorstellen?!?!?!?

Nachdem ich in meinen bisherigen Berichten öfters einen kritischen Kommentar über die israelische Besatzungspolitik, die “schikanierenden” Kontrollen und über einige radikale Siedler abgegeben habe, möchte ich das Bild heute ein wenig gerade rücken.

Dabei knüpfe ich an den Artikel über das Cosmos an, in dem ich ja über die “altbackenen” Verhaltensweisen selbst der modernsten Menschen hier geschrieben habe. Die Menschen hier in Palästina leiden nämlich nicht nur unter den oben beschriebenen Umständen, sondern sie sind zusätzlich selbst für Teile ihres unvorteilhaften Lebens verantwortlich. Das hat traditionelle und kulturelle Gründe, sicherlich zu einem großen Teil religiös geprägt. So beschneidet sich ein beachtlicher Teil der Gesellschaft selbst in ihren eigenen Rechten und Freiheiten, speziell den Rechten der Frauen hier.

Die von mir gern zitierte Dr. A. nannte das so treffend “erlernte Hilflosigkeit”. Es ist im Grunde ganz gemütlich, alles Negative auf Fremde schieben zu können und in jedem zweiten Satz darüber zu klagen, wie schlecht die Situation doch ist. Das ist jetzt zu generell gesprochen und natürlich gibt es auch da Ausnahmen von Menschen, die ihren Idealismus und ihr Engagement nicht aufgegeben haben. Ihren Wunsch, ihre eigene und die allgemeine Lage zu verbessern. Beispielsweise hat mir meine Arabischlehrerin erzählt, dass ein ganz großer Teil der Universitätsstudenten aus dem Refugee-Camp kommt, weil diese jungen Leute einfach aus diesem alten Leben ausbrechen möchten. Die letzte Konsequenz des Ausbrechens ist dann, ins Ausland zu ziehen, was vor allem viele Christen in den letzten Jahren gemacht haben, sodass ihr Anteil von über 50% jetzt auf ca. 20% hier in der Gegend gesunken ist. Witzigerweise habe ich aber auch schon drei Familien kennengelernt, die nach einer gewissen Zeit in den USA wieder hierher zurückgekehrt sind. Die eine ist meine Fitnesstrainerin, die jetzt hier einen der beiden in ganz Bethlehem angebotenen Aerobic und Yoga-Kurse gibt. Sie bezeichnet sich selbst als verrückt aber ihr gefällt es hier besser. Dann der Olivenholz-Produzent, der mit seinem Unternehmergeist hier die vielen Möglichkeiten in seinen Vorteil verwandelt. Und drittens ein Hotelbetreiber, der es geschafft hat, die paar Touristen die hierher kommen in sein Hotel zu ziehen, und somit wie er selbst sagt “reich zu werden” – was er bei einem “$8 Stundenlohn in den USA nicht schaffen würde”. Eine Randbemerkung noch zu den Touristen: der überwiegende Teil kommt mit großen Reisebussen hier für einen Tag an und wird zu den entsprechenden Sehenswürdigkeiten und den großen Touristenshops “gekarrt”. Wo genau gehalten wird bestimmt der Prozentsatz der Kommission die an den Reiseleiter und den Busfahrer geht. Mein Bekannter, der Olivenholzhersteller hat von erschreckend hohen Summen gesprochen… . Ich weiß nicht, ist das überall so?

Jetzt bin ich wieder von meinem Thema abgekommen, von der teils selbst-verursachten Unzufriedenheit der Menschen. Es freut mich dann immer wieder zu hören, wenn es Eigeninitiativen von Leuten gibt, wie zum Beispiel ein Teilprojekt des “Tent of Nations” (siehe älterer Artikel), in dem 60 Frauen in verschiedenen Themen (z.B. Computer, alternative Medizin, etc.) unterrichtet werden. Für Morgen habe ich dort eine Einladung und ich soll sogar ein paar Geschichten über das Leben und über Frauen in Deutschland erzählen. Das ist eine Ehre aber gleichzeitig finde ich, muss das wohl überlegt sein. Jetzt wo ich diese Zeilen schreibe habe ich sogar eine Idee… aber mehr dazu wenn der Vortrag vorbei ist.

Viele Grüße, Susanne

Cosmos

Noch eine Begebenheit vom Wochenende: Am Samstag war ich mit Madeline zum ersten mal in der einzigen Bar/Club hier in der gesamten Umgebung. Besser gesagt, und das war auch das Problem, waren wir nicht allein dort, sondern in Begleitung von zwei jungen Anwälten. Mir ist das Wort Anwälte deshalb wichtig, denn sie waren offensichtlich gebildete, in den USA ausgebildete Menschen. Nichts desto trotz kamen wir in einen gewissen Konflikt, da die beiden – genauso wie alle anderen Partygäste – sich doch in gewisser Weise recht altbacken verhalten haben. Die Vorgeschichte dazu ist die, dass Madeline bei einer Mitarbeiterin eingeladen war, obwohl sie mit ihr zuvor kaum was zu tun gehabt hatte. Im Nachhinein ist klar, dass die Gute ihren Sohn und Madeline verkuppeln wollte. Dr. Antke hat mir das so erklärt, dass eine ausländische Frau für einen palästinensischen Mann so wie 3 mal 6 Richtige im Lotto sei. Jedenfalls hatte Madeline dem Sohn erzählt, dass sie am Abend mit mir ins „Cosmos“ gehe. Das ließ er sich nicht zweimal sagen und meinte, sie könne da nicht allein hingehen, da alle in Begleitung hingingen, und er würde mitkommen. Für mich würde er noch einen Freund mitbringen. Kein Wunder, für die jungen Männer war es toll, mit Ausländerinnen in der Öffentlichkeit gesehen zu werden! Ich dachte mir nichts dabei und freute mich über die kostenlose Mitfahrgelegenheit. Im Cosmos angekommen sahen wir schon, dass sich die ganzen Gäste super schick gemacht hatten und dass auch unsere Begleiter mit ihren (über Geschmack lässt sich streiten) glitzrigen Hemden ins Bild passten. Das Publikum war gemischt, von jung bis älter… z.B. Suheila, die Kollegin aus der Wäsche und gleichzeitig Mutter des Diskobesitzers, war mit ihrem Mann auch da. Nachdem unsere Begleiter es nicht lassen konnten, uns den Eintritt zu bezahlen (ok, das kann man noch als Gentlemen durchgehen lassen), habe ich aber darauf bestanden, das erste Getränk zu bezahlen, wissend dass es nicht gut ist, in ein Abhängigkeitsverhältnis zu geraten. Wer weiß, was sie sich noch für Hoffnungen “als Ausgleich” gemacht hätten… man weiß ja nie. Das war wohl die erste Kränkung der Ehre. Irgendwann wurde dann die Tanzfläche voll, und mein “Pendant” forderte mich zum Tanzen auf und wollte mich an der Hand hinführen. In welcher Disko gibt es denn sowas! Wenn es ein Ball wäre, dann ok, aber hier? Ich habe mich daher freundlich losgemacht und zusätzlich Madeline gebeten auch mitzukommen. Da Madeline ja auch einen „Partner“ dabei hatte, standen wir schließlich zu viert da, und es war gar nicht so einfach, immer wieder die „Gruppenformation“ zu finden, und den ganzen Blickkontaktversuchen zu entgehen. Zusätzlich gab es noch das eine oder andere Kompliment in der Form: „Der Sänger singt gerade, du seist dick… aber das stimmt doch gar nicht!“ Nachdem die beiden Männer 3 alkoholische Drinks getrunken hatten, und uns später des Abends trotzdem noch heimbringen wollten, wurde mir die Ansammlung der unangenehmen Umstände zu groß. Ich sah um 1.15 Uhr – wo die Partystimmung eigentlich gerade erst am steigen war – meine Chance darin, mit Suheila und ihrem Mann nach Hause zu fahren. Das war jetzt die Majestätsbeleidiigung. Auch Madeline, die keinem weh tun will, war überhaupt nicht begeistert. Da ich inzwischen aber gelernt habe, auf meinen Körper zu hören und in bestimmten Situationen keine Kompromisse einzugehen, habe ich mich durchgesetzt, in dem Sinne dass Madeline auch mit nach Hause gefahren ist, weil sie dann doch nicht allein mit den beiden Männern dableiben wollte. Neben den beschriebenen Gründen hatte ich mich für Sonntagfrüh ja auch mit Maike für den Gottesdienst- und Cafe-Ausflug nach Jerusalem verabredet, und wollte umso weniger auf meinen Schlaf verzichten. Als wir dann gegangen waren und noch auf das Auto warteten, kamen dann die beiden Männer auch aus dem Club heraus und gingen nach Hause. Einer hat sich verplappert, und meinte, „Wenn ihr geht, MÜSSEN wir auch gehen“ – sozusagen als wäre das hier eine gesellschaftliche Konvention, und wir haben dagegen verstoßen, weil wir allein gegangen sind. Der andere versuchte diese Aussage zu vertuschen und meinte, er habe etwas ganz wichtiges zu tun (ja, um halb zwei) und sie kämen in einer halben Std. zurück. Sie waren offensichtlich ziemlich genervt und vermutlich war ihnen die Situation vor den anderen Partygästen auch peinlich, aber sie konnten es nicht ehrlich aussprechen. Und diese Unehrlichkeit – vor dem Hintergrund, dass die beiden ja das westliche Leben, die Freiheit der westlichen Frauen und die direkte Kommunikation kennengelernt hatten – hat mich dann umso mehr bestätigt, dass es eine gute Entscheidung war zu gehen. Mit Madeline habe ich nachts zwar noch drüber diskutiert, allerdings ohne Ergebnis. Als sie am nächsten Tag von ihrem Ausflug zurückkam, und sie hatte unterwegs mit ihrer Mutter telefoniert, hat sie dann insgeheim bestätigt, dass es ein guter Schritt von mir war, Klarheit zu schaffen.

Das war jetzt wieder eine lange Beschreibung, aber ich glaube, man kann daran ganz viel über die Gesellschaft hier erkennen. Zum einen z.B. dass selbst ältere Leute in die Disko gehen, vermutlich aus einem ähnlichen Grund wie im vorherigen Artikel beschrieben, Mangels kultureller Alternativen. Dass Disko etwas ganz Besonderes ist, wofür man sich stylt fast wie für eine Hochzeit. Oder die Tatsache, wie sehr sich die eine Krankenhausmitarbeiterin gewünscht hätte, dass ihr Sohn und Madeline sich “gut verstehen (…)”, dass sie Madeline eingeladen hat, obwohl sie so gut wie nichts mit ihr zu tun hatte, und dass sie dann auch bei der Einladung den Raum verlassen hat, um Madeline und ihren Sohn allein zu lassen. Selbst nach dem „Vorfall“ im Cosmos, hat die Mutter mich heute zur Seite genommen und mich zu sich eingeladen. Ich habe aber gesagt, dass ich gerade sehr viel Arbeit habe und am Wochenende schon etwas ausgemacht habe. (Was auch stimmt).

Und somit wären wir beim Thema „Strategische Einladungsplanung“. So blöd das jetzt klingen mag, es ist (leider) wahr. Madeline wollte sich gestern mit mir über unsere Pläne diese Woche unterhalten und die bisherigen Einladungen abstimmen. Es ist nämlich so, dass uns einige Mitarbeiter des Krankenhauses einladen, wenn wir uns kaum 5 Sätze mit ihnen unterhalten haben. (Ich muss dazu sagen, dass das bis auf Suheila v.a. die Mitarbeiter sind, die von meinem Housekeeping-Programm nicht betroffen sind. Diese haben nämlich Angst, von ihren mir gegenüber skeptischen Kollegen schief angeschaut zu werden.) Wir haben festgestellt, dass wir kaum Kontakte mit Frauen in unserem Alter haben, und dass es doch schön wäre, mehr mit ihnen zu tun zu haben. Tja, und so kann man dann ganz einfach steuern – und das ist das Erschreckende – wo man eingeladen wird. Heute bin ich nämlich zum Frühstück gelaufen und habe wie immer die Schwesternschülerinnen nett gegrüßt. Da hat mich eine in ein Gespräch verwickelt und mir erzählt, dass ihre Tochter gerade krank ist … . Und da ich dann nicht eiligst weggerannt bin, hat sie dann die Gelegenheit genutzt, mich für Samstag einzuladen, mit der Begründung, sie möge mich gerne. Ich hatte aber mit ihr bis auf dieses Treffen nicht mehr zu tun, als dass ich ihr in meiner Praxiswoche in der Küche vielleicht zweimal das Frühstück ausgehändigt hatte. Ich finde das ja super nett, so oft eingeladen zu werden, aber trotzdem habe ich ein komisches Gefühl, dass ich in der Situation bin, auszuwählen, wo ich hingehen möchte, indem ich steure, wie lange ich mit jemandem spreche. Und selbst “normales Nettsein” führt zu einer Einladung. Das bedeutet, ich komme gar nicht um die Einladung herum, es sei denn ich sage kategorisch Nein oder ich bin unfreundlich / kurz angebunden. Hinzu kommt, dass Madeline und ich solche Einladungen ganz gerne gemeinsam wahrnehmen, weil wir uns gut ergänzen (z.B. allein ihre Arabischkenntnisse), aber dass es da natürlich schon gewissermaßen unangenehm ist, wenn wir jeweils die Zweite von uns selbst einladen. Deshalb habe ich das jetzt bei der letzten Einladung auch nicht gemacht. Vielleicht ergibt es sich ja noch, wenn Madeline und Mary sich selbst über den Weg laufen, denn obwohl Mary in unserem Alter ist, hat sie in der Kinderkrippe des Krankenhauses eine Tochter, und Madeline arbeitet ja in der Kinderkrippe. Die Einladungen sehen häufig so aus, dass ich/wir nach der Arbeit direkt mit nach Hause gehen, dort essen und die Familie kennenlernen. Am liebsten hätten es die Gastgeber dann noch, dass wir über Nacht bleiben, aber das haben wir bisher noch nicht gemacht.

Hier noch ein Foto von tanzenden palästinensischen Mädchen beim Olive-Harvest-Festival hier in Bethlehem. Der Besuch dort war Madelines und meine Beschäftigung am Samstag. Oliven sind auch so ein wichtiges und politisches Thema hier… aber ich lasse es mal gut sein… . An dieser Stelle möchte ich lieber auf den kleinen Link “Fotos” auf der rechten Seite dieser Internetseite hinweisen. Dort kommt ihr zu meinen Fotos, die ich ab und zu aktualisiere, und wo ihr einen visuellen Eindruck bekommt.

So, jetzt war es wieder viel für heute. Ich denke an euch alle, komme aber auf Grund der beschriebenen Aktivitäten kaum dazu, alles was ich machen, schreiben und lernen möchte unter einen Hut zu bringen. Aber genau diese Vielfältigkeit und diese extreme Lernerfahrung macht die Zeit trotz aller Widrigkeiten so toll!

Ich freue mich, von euch zu hören!

Liebe Grüße

Susanne

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