Es ist wirklich spannend hier… denn je mehr ich mit den Frauen hier in den Hauswirtschaftsabteilungen arbeite, desto mehr Einblicke bekomme ich in ihr tägliches Leben. Ich mag es so gern, mit den ganz normalen, einfachen Leuten zusammen zu sein!
Ein paar Beispiele:
Thema Partnerwahl: Amal musste heute früher nach Hause gehen, weil ein junger Mann sich als Besuch angemeldet hat, der sich für ihre 17-jährige Tochter interessiert. Er kennt sie noch nicht, aber die Reihenfolge ist eben die, dass die Eltern sich den Mann anschauen und dann gegebenenfalls der Tochter sagen, dass er “gut” sei. Erst dann trifft sich die Tochter mit ihm. Wenn die Eltern den Mann für gut halten, dann ist es in den häufigsten Fällen so, dass die Tochter den Mann auch heiratet, einfach weil sie denkt er wird für sie sorgen und ist nicht aggressiv. Von Liebe ist hier nicht unbedingt die Rede.
Samia hingegen hat den ganzen Morgen immer wieder mit dem Thema angefangen, dass sie die Freundin ihres Sohnes nicht für gut hält. In ihrer Familie ist es so, dass nicht die Eltern aussuchen, sondern die Kinder selbst, und dass die Eltern erst später gefragt werden. Sie besuchen dann gemeinsam das Elternhaus der Freundin, aber sie haben grundsätzlich weniger Einfluss. Das Problem an der Freundin ist nicht etwa, dass sie einen schlechten Charakter hätte oder faul wäre, nein, einzig ist es das Aussehen, das Samia nicht gefällt. Und das hat sie mir dann detailliert demonstriert. Beispielsweise seien die Haare viel zu dick und zu gekräuselt, fast wie bei Afrikanern, und außerdem hätte sie dicke Backen und viele Pickel. Jetzt haben Samias Töchter schon versucht ihre Mutter zu beschwichtigen, denn man könne ja Make-Up benutzen und sich die Haare glätten lassen, doch das beruhigte sie wenig.
Thema Enthaarung: Wenn man das Vorhergehende gelesen hat, dann wundert es nicht, dass auch ich nicht ausgelassen werde, mit guten Ratschlägen. Heute sind ihnen meine Haare auf den Unterarmen aufgefallen. Ich glaube dabei hat sich kurzfristig das gute Bild das sie von mir hatten verändert. Aber glücklicherweise ist man hier nicht nachtragend und alles war gleich wieder eingerenkt. Jedenfalls hat Amal versucht mir auf arabisch zu erklären, dass ich meine Arme waxen sollte, und sie hat mir auch angeboten, es mir zu machen. Sie hat mir dann auch erklärt, wie sie die Tinktur vorbereitet, und beispielsweise ist Zitronensaft eine Zutat. Sie hat dann sogar überlegt, welchen Einwand ich haben könnte, und daher hat sie mir erklärt, dass die Tinktur insgesamt nur 1 € kosten würde, und so meinte sie, könne das ja auch kein Hinderungsgrund sein. Diese Denkweise fasziniert mich, denn sie hat nicht vermutet, dass ich mich bewusst bisher dagegen entschieden habe, sondern sie hat wahrhaftig geglaubt, dass ich einfach keine Ahnung habe
. Aber gut, dass sie in einem Punkt mal nicht glaubt, in Europa sei das Schlaraffenland und wir haben, dürfen und wissen alles.
Mit Madeline diskutiere ich diese Gespräche dann zwischendurch immer, und sie kann das mit ihrem britischen Humor immer so originell und bildlich ausdrücken. Sie hat mir das Leben einer Frau hier so skizziert:
1. Aufgabe: selber einen möglichst “guten” Mann heiraten. Wie beschrieben, bedeutet gut eher charakterlich gut, jedoch heißt es nicht unbedingt “finanziell abgesichert”. Das hat zur Folge dass ich allein X Familien kenne, die mehrere Kinder haben und wo der Mann oder beide arbeitslos sind und nicht einmal eine Ausbildung haben. Aber Familie kommt vor allem anderen. (Voraussetzung für die Heirat: möglichst Saaki für den Mann zu sein. Saaki ist eigentlich das Wort für “lecker” im Zusammenhang mit Essen, und ich finde es total witzig, dass das auch für Menschen gebraucht wird. Das erklärt also mein vorhergehendes Beispiel mit den Haaren auf den Unterarmen).
2. Aufgabe: unbedingt viele Kinder kriegen, am Besten möglichst bald nach der Hochzeit.
3. Kinder großziehen
4. Alle Kinder unter die Haube bringen.
Wenn man diese Liste verstanden hat, dann kann man im Grunde die Gedanken der Frauen im Gespräch antizipieren. Das ist somit recht einfach… .
Im Grunde kann ich zu jedem der vier Punkte zahlreiche Geschichten erzählen, aber ich beschränke mich im Folgenden auf eine kleine lustige Auswahl: Madeline erzählte von einem vorherigen Aufenthalt im nahen Osten. Einmal als sie mit ihrem Freund unterwegs war, hat sie vorgegeben, sie seien seit 1 Jahr verheiratet. Sie hat das vorgegeben, weil es sich nicht schickt, unverheiratet gemeinsam zu reisen. Die Frau, bei der sie an dem Abend zum Essen waren fand das sehr besorgniserregend, denn schließlich hatte Madeline noch keine Kinder obwohl dies in dem einen Ehejahr möglich hätte sein müssen (12 Monate ist mehr als 9 Monate). An der Stelle sei kurz gesagt, dass hier keiner ein voreheliches Verhältnis hat… das ist “Haram”, eine Schande. Jedenfalls hat diese Frau dann eine klare Schlussfolgerung gezogen, nämlich, dass Madelines Freund Madeline offensichtlich nicht genug “mag”. Und deshalb müsse sie sich mehr schminken. Daraufhin hat sie M. ein komplettes Makeup verpasst, sodass es der gutmütigen M. total peinlich war hinterher auf die Straße zu gehen. Die Frau aber war sich ganz sicher, dass sie jetzt eine ganz gute Tat getan hat, und dass sie Madeline den Kindersegen geschenkt hat.
Zum Thema Kinder großziehen ist die aktuelle Story die, dass Oumaima heute den ganzen Tag total betrübt war, weil ihre Tochter aus der Schule geworfen wurde, weil die Eltern die Schulgebühren nicht bezahlen konnten. Und das ist nicht das erste Beispiel, dass ich höre, dass Kinder aus irgendwelchen Gründen nicht mehr zur Schule gehen dürfen. Die Tochter von Tiddy sitzt auch zu Hause, offensichtlich weil sie mit einem musilimischen Mädchen befreundet war, das von zu Hause abgehauen ist. Und da man ihr vorgeworfen hat mit dem Mädchen unter einer Decke zu stecken, durfte sie nicht mehr in die Schule kommen. Ich weiß nicht wieviel an der zweiten Begebenheit dran ist, aber jedenfalls kann man daran die Art der Probleme und auch teilweise die politisch/religiösen Verstrickungen sehen.
Vom Thema “Kinder unter die Haube bringen” bin ich wie schon einmal beschrieben selbst betroffen, denn es gibt verschiedene Mütter, die versuchen, Madeline und mir ihre Söhne schmackhaft zu machen. Die eine Frau, Margret, hat immernoch nicht aufgegeben, auch wenn ich ihrem Sohn und dessen Bekannten im Cosmos schon einen Korb gegegeben habe (siehe älterer Beitrag). Vor allem seit Madeline ihr jetzt zum Xten Mal klar gemacht hat, dass sie selbst einen Freund hat, wendet Margret sich wieder verstärkt mir zu. Sie spricht kaum Englisch und manchmal wirft sie völlig themenfremde Beiträge in eine Konversation ein. Diese aus der Luft gegriffenen Fragen klingen dann so (teils engl. teils arabisch): Susanne, wie findest du Amir? Oder…. Susanne, gehst du mal wieder ins Cosmos?…. Oder sie lädt mich in ihr Haus ein. Naja, aber ich antworte ihr dann immer, dass ich viel arbeiten muss und nicht kommen kann und auch nicht vorhabe ins Cosmos zu gehen. Und dass ich Amir nur einmal gesehen habe und nicht sagen kann wie ich ihn finde. Ich will sie ja auch nicht verletzen…Wenn man aber den Hintergrund, d.h. Madelines 4-Punkte-Liste kennt, dann kann man alles viel leichter und humorvoller aber nicht weniger freundlich hinnehmen.
So, das waren jetzt die Beispiele zu allen vier Punkten um die sich die meisten Gespräche der Frauen hier drehen und gleichzeitig wieder ein Einblick in mein Leben. Ich hoffe ihr fandet es genauso amüsant wie ich!
Bis bald, Susanne